Das Feuer knistert und knackt wohlig. Walter und Jenny sitzen auf ihrer braun-rissigen Ledercouch und die DVD Kaminfeuer läuft in der Endlosschleife. Sie reicht ihm das Geschenk und lächelt zaghaft. Sie hat ihm eine neue Kladde, mit Kunstledereinband und einer kleinen Schlaufe für einen Bleistift, geschenkt und wartet darauf, dass er das backpapierfarbene Geschenkpapier vom Büchlein gerupft bekommt.

Sie freut sich schon auf sein Gesicht – schließlich weiß sie genau, wie wichtig ihm sein Projekt ist. Walter erkennt, was es ist. Ein sich entspannendes Lächeln erblüht langsam, derart, dass man erahnen kann, dass die Angst von ihm abfällt, er müsse Freude heucheln. »Danke Jenny, das ist wirklich schön!« Er umarmt sie. Sie weiß, dass er heute keine Zeit haben wird, an seiner philosophischen Abhandlung zu arbeiten – morgen und die eiskristallglänzende Woche danach auch nicht. Die Zeit zwischen den Jahren ist für einen Taxifahrer eine Goldgrube – was besonders wichtig ist, da sie ja als Rentnerin mit Mitte dreißig nicht viel verdient. »Danke«, raunt er nochmal und sie erkennt einen Glanz in seinen Augen, die Tatkraft, die allzu oft durch die Grauheit der Tage niedergerungen wird. Oder gibt er ihr zu bereitwillig nach? Walter umarmt sie. Es fühlt sich beinahe an wie früher.

Tilmann sitzt an seinem Tisch. Der schwedische Falschholztisch ist mit einem glocken- und mistelzweigbedruckten Wachstischtuch gedeckt, die beinahe zu teure Mikrowellenlasagne, für die diese dickliche, aber äußerst vertrauenswürdige Frau Werbung macht, vor sich stehen. Sie dampft. Die Lasagne, nicht die dicke Frau. Er lacht bei dem Gedanken kurz auf, seine Nase fiept kaum hörbar. Tilman pustet einmal, zweimal, dann erkennt er, dass das wenig bringt und er verschränkt die Finger vor sich auf dem Tisch. Er betet nicht, obwohl es den Anschein hat. An solchen Tagen, an denen er ganz alleine ist, seine Freunde alle bei ihren Familien, da vermisst er seine Ex-Frau. Nicht lange, Gott bewahre, aber für die kurze und ewig lange Zeit, die ein Mikrowellenessen braucht, bis es abgekühlt ist, die es dauert, bis die Zeit sich wieder bemüßigt fühlt, sich die Flure der Realität weiter entlangzuschleppen, für diese Zeit vermisst er sie. Deutlich mehr, als sie es verdient hat.

»Nimm noch ein Stück!«, ruft Karls Mutter und deutet auf die Buttercremetorte, die sie sich teilen würden. Das bedeutete, dass sie erwartet, dass er 8/10 dieses aus gut 1,5 Pfund Fett bestehenden Monstrums essen wird. Und er wird es tun. Mal wieder. »Du musst noch wachsen, Junge!« »Ich bin 35 und ich bin fast zwei Meter«, sagt er, aber er nimmt sich trotzdem noch ein Stück, als hätte er kein Wort gesagt, während seine Mutter milde lächelt, als hätte er kein Wort gesagt. Seit Vater tot war und seine Schwester Ludmilla irgendwo in Neuengland ein neues Leben führte, feiert er immer alleine mit seiner Mutter und sie macht immer noch die gleiche Torte nach dem selben Rezept, wie eh und je, als fehlten nicht 50% der Esser an dem kleinen Tisch in der kleinen Wohnung in dem kleinen Dorf nahe Köln. »Lecker, Mami«, sagt er mit butterverklebtem Mund und meint es auch genau so.

Waltraud sitzt in ihrem Ohrensessel am Kaminfeuer und streckt einen Fuß unter der dicken Wolldecke hervor, um die Wärme der knisternden Flammen zu prüfen. Das Zittern weicht langsam aus ihren Knochen, ohne jemals ihr Wesen zu verlassen – das aufgeregte Aufbäumen, wohnte seit jeher in ihrer Seele. Waltraud nimmt das schöne, lederne Buch hervor, das sie so liebt – das Tagebuch ihres Vaters. Es war abgetippt, lektoriert und in moderner Druckschrift. Nicht viele Leute wussten heutzutage, dass der Führer die klaren Linien der Druckschrift der Frakturschrift vorgezogen hatte. Wie sie so vieles nicht wussten. Oder wissen wollten. Auch von diesem Buch will kein Verlag etwas wissen. Die lustigen und spannenden Abenteuer eines Gestapomannes finden heutzutage beim Publikum wenig Interesse. Sie liest gerade, mit jedes Wort unterstreichendem Zeigefinger, die Geschichte, in der er einen Hechtsprung in ein Fass voller Salzgurken gemacht hatte, als die mordlüsternen Bolschewisten hinter ihm her gewesen waren. Sie lacht kurz auf. Köstlich!

Er sitzt vor seinem Kamin und trinkt ein Glas Rotwein. Oder wie die Christen sagen: Das Blut Christi. Passend für den Tag, obgleich Jesus nicht wirklich heute Geburtstag hatte. Das war, so erinnert er sich, einmal ausgerechnet zu haben, an einem Dienstag im Juli 5 v. Chr. gewesen. Er erwartet Besuch, einen ganz besonderen Besucher, der an diesem Tag genauso ruhelos ist wie er selbst. Sein Gast wolle ihn ein Angebot machen, das er nicht ablehnen könne. Um die Anspannung zu vertreiben lehnt er sich in seinem Massagesessel zurück und nimmt einen Schluck Wein, der nach der Sonne und der Erde und dem Wind aus Bordeaux schmeckt – Er macht sich keine Hoffnungen, je näher an die weiten Berge Frankreichs Südwestens zu kommen als durch diesen Schluck. Er seufzt.

»Wat soll ich?«, ruft Friedolin Fröhlich der Elf und stampft energisch mit dem rechten Fuß auf die puderzuckergeschwängerten Bodendielen, wirbelt dabei ein mittleres Zuckerwölkchen auf. In Situationen, in denen er energisch wirken will, hasst er die Glöckchen an seinen Schuhen. »Ich hab den ganzen Arsch voll Arbeit. Meinst Du, unsere scheiß fröhliche Backstube macht sich nach diesem ganzen Weihnachtstrubel von selber wieder sauber?« »Aber es ist ein Job von ganz Oben«, sagte der Chinese in der Uniform eines Beamten der Kaiserzeit. »Vom Weihnachtsmann?«, blökt er und greift so energisch nach dem zuckerstangengemusterten Telefon mit Wählscheibe, das an der unverputzten Backsteinwand hängt, dass es ein keuchendes Schellen gibt. »Dem werde ich was erzählen! Das steht sowas von nicht in meinem verfickten Arbeitsvertrag!« »Nicht vom Weihnachtsmann«, sagt der Chinese ruhig. »Von ganz Oben.« »Oh. « Fridolin verstummt legt den Hörer wieder auf und wiederholt: »Von ganz Oben…« Er räuspert sich. »Ein Glückskeks, sagst du?« Der Chinese nickt.