Monat: Mai 2017

Morgens um elf Uhr elf

Wein und Gesang

Hermes lag auf der gepolsterten Bank und streckte sich. Seine Flügelknochen knackten leise, er war ein wenig verspannt, es war mal wieder höchste Zeit für eine Massage. Hilfesuchend sah er sich um, aber keine Muse war gerade in seiner Nähe.
Hermes war lange nicht geflogen, natürlich war er verspannt. Gerannt war er auch lange nicht, gegangen schon, aber auch nicht besonders weit. Nur bis zum Weinbrunnen und zurück.
Euterpe spielte, offensichtlich tief in Gedanken, auf dem Saxophon, sie improvisierte seit neuestem. Das tat sie, seit sie diesen Jazz-Typen auf der Erde kennengelernt hatte. Der wohnte mittlerweile auch im Himmel und trug noch immer Sonnenbrillen zu jeder Uhrzeit.
Nun ja, im Himmel gab es keine Uhrzeit, es war immer elf Uhr elf.
„Hat jemand Nektar für mich? Oder Ambrosia?“, fragte er und drehte den Kopf um. Noch immer keine Muse weit und breit. Sonst waren die Musen umsichtiger. „Hallo?“, rief er, aber keine Antwort.
Stattdessen landete eine Eule neben ihm, in der linken Klaue einen Brief. Wer, zum Teufel, schickte Briefe mit einer Eule? Das kam ihm total bescheuert und darüberhinaus unglaubwürdig vor. Die Eule starrte ihn an, kam näher gehopst.
Er seufzte und setzte sich auf.
„Was haben wir denn da?“

Morgens um neun Uhr dreißig

Morgengrauen

Der Taxifahrer, der Philosoph, er schlief. Durch den braunen, an manchen Stellen seidendünnen Vorhang kam Sonnenlicht hinein, wurde vom Stoff trübe gefärbt und fiel in das mehr schlecht als recht aufgeräumte Wohnzimmer. Er schnarchte ganz leise, neben ihm, auf einem ledernen Sofa, das leicht speckig aussah, lag seine Freundin. Auch sie schnarchte leise. Eine kleine Blase wuchs und verschwand in ihrem Mundwinkel im Takt des Atems.
Er hatte eine Dose Doctor Pepper in der einen, das zerknüllte Briefchen aus einem Glückskeks in der anderen Hand.
Er schlief ruhig, er schläft schon viel zu lange. Seit Jahren.
Bald, endlich, wird es Zeit aufzustehen.
Steh auf!
Nokia-Tune.

Morgens um neun Uhr

Arbeitsplatz aus der Hölle

Er saß hinter der verspiegelten Glasscheibe und sah auf seinen Röhrenmonitor. Der selbe Mist, seit Jahren und Jahren, nur die Form änderte sich. Jetzt war es Windows 98, auch das war schon lange überholt. So wie er. Kolonnen von Zahlen, Buchstabenkürzeln und Charts in Primärfarben wunden sich dort, verlangten nach seiner Aufmerksamkeit, aber die Gedanken schweiften immer wieder ab, verweigerten sich. Bald, wenn alles gutging, würde er sich nicht mehr damit herumschlagen müssen, bald. Endlich.
Er sah durch die Scheibe. Noch passierte nichts, triste, grau-melierte Alltäglichkeit.
Aber es war alles geplant, die Spieler an ihren Plätzen. Es konnte nichts schief gehen.
Er schaltete den Monitor aus und lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück. Der Stuhl knackte leise.

Morgens um acht Uhr dreißig

Das letzte Frühstück?

Karl Herrmann saß an seinem Küchentisch und fuhr mit dem dicken Zeigefinger die Ringe nach, die zahllose Kaffeetassen auf dem rohen Echtholz (Eiche, glaubte er) hinterlassen hatten. Er hatte einen kleinen Kater, ein paar Bier waren es gestern schon gewesen, vielleicht eines zuviel. Oder auch nicht, all die Sorgen hätten ihn sonst die ganze Nacht über wach gehalten. Nun waren sie wieder da, schlimmer als jeher. Die Zeit lief ab.
Er seufzte und trank von seinem bitteren Kaffee.
Es gab einen Ausweg aus dem Schlamassel, einen beschissenen Ausweg, aber immerhin ein Ausweg. Er hatte eigentlich keine Wahl, und doch fiel sie ihm schwer.
Karl griff zu seinem Handy und tippte sich durch viel zu kleine Icons, bis er endlich telefonieren konnte.
„Mutti? Könntest Du sie heute nehmen? Ich bin den ganzen Tag unterwegs…“

Morgens um acht Uhr

Lieblingszitat der Oma

Nazi-Oma

Waltraud Schlösser kämmte das Trockenshampoo, dem sie seit vielen Jahren treu geblieben ist, aus ihrem stahlgrauen, für ihr Alter noch immer recht vollen Haar und betrachtete sich wohlwollend im Spiegel. Es gab bessere und schlechtere Tage. Ihre Hände fühlen sich gut an, ihre Hüfte schmerzte nur ein ganz kleines bisschen. Ein besserer Tag. Sie warf sich ihr liebstes Jacket über, das zartrosafarbene, nahm ihre schwere Handtasche und verließ das Haus. Die Tür fiel deutlich lauter ins Schloss, als sie beabsichtigt hatte.
Sie hatte später einen Termin beim Bankberater, wichtige Geschäfte, vorher würde sie noch einige Besorgungen machen.
Sie legte ihr freundliches Oma-Lächeln auf und spazierte los.

Das Ende ist nahe…

Beginnt mit einem Glückskeks

Das Ende der Welt

Am 16.05.17 stehe ich in Leverkusen auf der Bühne im Kulturausbesserungswerk, um den Leuten etwas über das nahende Ende Deutschlands ( genauer: Des Müllerschen Königreiches Deutschland ohne Bayern und Sachsen ) zu erzählen.
Was kann da noch schlimmer werden? Richtig, das Ende der Welt.
Das Ende Deutschlands wird durch ein pubertierendes Mädchen und ein rosafarbenes, unsichtbares, interdimensionales Einhorn eingeläutet – Die Welt endet wegen eines unschuldigen,  pupstrockenen Glückskekes.
Ungerecht? Sicher!
Lustig? Klar!

Morgens um sieben Uhr

 

Morgentee

Tilmann Knecht stand in seiner Küche und trank einen letzten Schluck Tee aus seiner Tasse, die ihm seine Ex-Frau geschenkt hatte. Die Tasse war auf eine eigentümliche Art schön und zugleich hässlich, im Internet aus fertigen Vorlagen zusammengeklickt und, in animierter 3D-Ansicht für gut befunden und per Kreditkarte bestellt, wahrscheinlich für 9,99 plus Versandkosten. Das Bild von ihm, das da inmitten von Rosenranken und fünfzackigen Sternen eingebettet war, gefiel ihm, war ein echter Schnappschuss. Sein Haar war voller gewesen, seine Brille weniger dick, der Ausdruck auf seinem Gesicht beinahe verwegen.
Er lächelte dünn. Die Tasse war ein Sinnbild ihrer Ehe, ein paar wirklich schöne Schnappschüsse, der Rest 08/15 aus dem Vorlagensortiment.
Er war glücklich.
7:02. Er musste jetzt zur Arbeit, er hatte einige Termine.

 

Das Lieblingszitat

Lieblingszitat

Nazi-Oma

Natürlich jagt in diesem Buch ein toller Satz den nächsten.
Dies ist dennoch mein Lieblingszitat von der Nazi-Oma Waltraud Schlösser. Nicht, weil es schön ist, aber weil es eben stimmt.

Was ist an nem Glückskeks so toll?

Mysterium Glückskeks

Mysterium Glückskeks

Ein Glückskeks ist ein seltsames Ding. Es sind leere Floskeln darin, für jeden und alle, zu jeder Zeit gleich richtig und gleich falsch.
Das ist bekannt und jeder von uns kennt diesen Moment, wenn knisterndes Plastik in Rot- und Goldtönen aufgerissen wird, ein trockener Keks mit einem Hauch chemischer Vanille aufgebricht und dann der unvermeindliche Zettel, in bis zu 4 Sprachen, zum Vorschein kommt.
Man schmunzelt, natürlich, wer lässt sich schon von einer minderwertigen Backware die Sicht auf die Welt, sich selbst oder auch nur auf den folgenden Tag verändern, vor allem nicht, wenn sich mindestens ein Rechtschreibfehler in der kurzen Botschaft versteckt. Weiterlesen

Worum es geht…

Der mit großen Ideen aber wenig Energie gesegnete Taxifahrer und Philosoph Walter Jentzsch wollte heute eigentlich zuhause bleiben.
Eigentlich.
Aber ein ganz und gar seltsamer Glückskeks hat ihn umgestimmt.
Nur eine kleine Änderung, die alles ändert…
Eine Geschichte von Bankberatern und Bankräubern, Götterboten und ukrainischen Mafiosi, Wahrheit und Irrtum.